Kryptonit – Meine Erlösung 

Als ich ihn das erste Mal sah, schlug es mir die Erde unter den Beinen weg. Seine dunklen Augen. Ich weiß noch ganz genau, wie er mich anschaute. Ich könnte heute nicht einmal sagen, wie er aussah, nur das, was er mit mir machte. Wir sahen uns an und verloren uns wieder im Lärm der Großstadt, der Musik und dem Alkohol. 

Als ich ihn das zweite Mal sah, musste ich einfach mit ihm sprechen. Sein Blick hielt mich gefangen und aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie er, ohne mich davon zu befreien, jeden meiner Schritte verfolgte. Es war wie ein Film und ich bewegte mich wie in Zeitlupe, um bloß nicht seine Aufmerksamkeit zu verlieren. Wenn sich unsere Blicke trafen, dann bebten Tische und Stühle zu den lauten Tönen der Musik. Er kam zu mir, nahm meine Hand und küsste sie. Ohne dass wir jemals vorher ein Wort gewechselt hatten – und plötzlich fingen wir an. Als hätten wir uns schon immer gekannt. Seine Verabredung blieb irgendwo im Hintergrund verschwommen sitzen und die Menschen verblassten nach und nach um uns herum. Nach 6 Stunden kamen wir aus der Bar raus und die morgendliche Sonne streifte meine Wangen. Er brachte mich zu Tür und küsste wieder meine Hand, bevor er verschwand. 

Ich konnte nicht schlafen und ich konnte nicht essen. Ich wartete den Abend ab, bis ich wieder zu unserem Treffpunkt gehen konnte, um ihn hoffentlich dort wieder zu treffen. Immer wieder. Die Nächte flogen dahin und jede Nacht brachte er mich nach Hause, küsste meine Hand und verschwand. Am nächsten Tag wusste ich nicht mehr, worüber wir geredet hatten, oder was wir gemacht hatten. Ich hatte nur seine Augen in meinem Kopf und seine Lippen auf meiner Hand. 

Eine Art von Tagtraum legte sich über meinen Alltag. Ich hatte genug von meiner Umgebung und wollte die Zeit nur noch mit ihm verbringen. Alles schien so leicht zu sein. Wir brauchten uns nicht zu verabreden, wir fanden uns jede Nacht wieder. Er hatte seine rote Vespa und ich meine rote Packung Zigaretten. So vergingen die Nächte bis sich diese Tage irgendwann verwandelten und plötzlich fuhren wir gemeinsam auf der Vespa die Schnellstraßen entlang. Es waren nur wir zwei: keine Verantwortung und kein Ziel. 

Es war im Juli und es war heiß. Ich zog mein Lieblingskleid an: Es war rot mit weißen Punkten und dazu trug ich immer flache Boots. Wir trafen uns wie immer nachts auf der Straße. Die Vespa fiel zu Boden als er mich sah und ich erwiderte seinen Blick, der so fesselnd für mich war. Die Nacht verwandelte sich schnell in den Morgen und die Lichter der Stadt verblassten während sich die Strahlen der morgendlichen Sonne durch die Äste der Bäume kämpfte. Er brachte mich nach Hause und dieses Mal wollte er mir nicht die Hand küssen. Er blieb stehen und die Vespa fiel wieder zu Boden. Mit ihr fiel er auf beide Knie. Er wollte mich heiraten. Ich lachte, doch er war ganz ernst. In dem Augenblick, als ich ihn vor mir sah, wusste ich es plötzlich ganz genau: Er war nur mein Kryptonit. Und plötzlich, aus dem nichts, war ich erlöst … 

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Man kann erst daran glauben, wenn man es selbst erlebt hat. Die Anziehungskraft der Person ist unbeschreiblich und man fühlt sich schwach, während der Kryptonit-Mensch wie ein Puppenspieler über den eigenen Körper dirigiert. Gefangen im Bann, der uns verbindet, folgen wir der Person und lassen uns vielleicht zu Dingen verleiten, die für uns sonst so unwahrscheinlich und fern sind. Jede Berührung scheint besonders und jedes Wort unvergänglich und leicht. Umso spannender ist es zu sehen, welche Grenzen man vielleicht bereit ist, mit dieser Person zu überschreiten.

Ich weiß nicht, ob wir versuchen die Person in unseren Augen zu idealisieren, sie unausstehlich zu machen oder gar unerreichbar. Vielleicht ist es auch die Herausforderung, die uns daran reizt? Aber was ich nicht verstehe ist, warum so viele Menschen Angst vor diesem Gefühl haben. Natürlich ist es beängstigend und vielleicht fühlt man sich manchmal hilflos, aber besser man erlebt so etwas, bevor man es womöglich sein Leben lang bereut.

Ich denke, jeder sollte die Erfahrung gemacht haben, einem Kryptonit-Menschen zu begegnen und sich darauf einzulassen, was mit der Person zusammen passiert. Vielleicht begegnet man auch nicht nur einem einzigen Kryptoniten, denn wer will behaupten, dass jeder Mensch nur einen hat?

Der ein oder andere möchte mir bestimmt widersprechen und sagen: “Das ist verrückt, das ist krank und das ist unvorhersehbar!“ Da kann ich nur antworten: “ABSOLUT!“ So wie auch das Leben nicht ewig ist, und dazu möchte ich ergänzen, dass nichts ewig ist, so sind wir und unsere Wahrnehmung es auch nicht.

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