Was sind Posamenten? Ein Tag mit Rekordpraktikantin Charly

Der Betrieb, den ich am 12. Dezember aufsuchte, versteckte sich im Innenhof und nur eine Tür verwies auf das zauberhafte Reich, das mich dahinter erwartetete: Josef Müller Posamenten GmbH. Bis vor ein paar Tagen wusste ich nicht mal was Posamenten sind. Nun habe ich einiges über das Handwerk und die Kunst, die sich dahinter verbirgt, erfahren und würde das gerne mit Euch teilen.

 

Bei dem Posamentenmacher habe ich auch die süße Charly getroffen und ihr ein paar Fragen gestellt, denn sie und ihr Begleiter Marvin haben bereits einiges hinter sich gebracht. Als Rekordpraktikanten sind Charly und Marvin bereits seit fünf Monaten unterwegs und absolvieren über 40 Praktika in den verschiedensten Berufen des Handwerks. Vom Uhrmacher über Raumausstatter bis zu Dachdecker war fast alles dabei. Leider war Marvin bei meinem Besuch krank, deswegen waren alle meine Fragen an Charly gerichtet, die mir eine Frage nach der anderen beantwortete.

Als erstes werde ich von den Mitarbeitern des Betriebs empfangen, die mich willkommen heißen und auf Anhieb sehr sympathisch sind. Charly sitzt am anderen Ende des Raumes und führt ein Interview. Um sie herum laufen Mitarbeiter und machen weiter mit ihrer Arbeit: Sie flechten gerade ein Seil. Über 7 Meter erstrecken sich dünne Fäden, die sich später zu einem Seil vereinen. Sehr beindruckend auf den ersten Blick und sehr überwältigend. Kaum vorstellbar, dass all diese Quasten, Seile, Spitzen und Webmuster per Hand erstellt werden.

Im ersten Moment denke ich daran, wie altmodisch und traditionell diese Arbeiten sind und dass es doch gar nicht mehr in unsere moderne urbane Welt passt. Doch dann werde ich des besseren belehrt. In einer Schublade verstecken sich schöne Manschettenknöpfe, Quastenohrringe und Choker aus Spitze. In dem Augenblick hatten sie mich und alle Quasten, die um mich herum hingen, wurden zu schönen Ohrringen. Zu den Auftraggebern von Josef Müller Posamenten gehören aber auch Paläste, Burgen, Schlösser und z. B. die Bayrische Staatsanwaltschaft. In den bayrischen Nationalfarben glitzern mir zwei schöne Manschettenknöpfe entgegen. Das sei ein „Weihnachtsgeschenk“, sagt mir eine der Mitarbeiterinnen und lächelt. Inzwischen ist Charly mit dem Interview fertig und ich kann sie endlich persönlich treffen.

„Die ein oder anderen machen Work and Travel und wir machen halt das“, sagt sie und lacht. Ich bin richtig begeistert, wie sie das alles schaffen. Charly und Marvin besuchen für ihre Praktika etwa alle zwei Tage einen neuen Betrieb in einer anderen Stadt – ein echter Roadtrip durch das Handwerk.

Während ihrer Praktika haben die Rekordpraktikanten schon so einiges erlebt. Beim Bäcker mussten sie z. B. nachts um halb eins aufstehen, damit morgens frische Brötchen bereit stehen. Ganz schön taff die beiden! . Ich hätte bestimmt verschlafen! Da Charly und ich nur unter uns Mädchen waren, konnte ich auch direkt mal fragen, ob es stimmt, dass Handwerksberufe so männerlastig sind. Ich hatte wohl echt noch ein veraltetes Bild, denn es gibt viel mehr Frauen in Handwerksberufen als man denkt. Bei Charlys Besuch beim Steinmetz und Steinbildhauer waren beispielsweise sogar von drei Mitarbeiten zwei Frauen . Und das, obwohl man im ersten Lehrjahr keinerlei Unterstützung von Maschinen bekommt und alle Skulpturen von Hand formt was sehr anspruchsvoll, aufwendig und schwierig ist.

Nur auf den Baustellen haben sie bisher keine Frau kennengelernt. Charly wäre es im Winter auch zu kalt und eben die Toilettensituation– aber das erwartet man ja auch so von einer Baustelle. Am meisten gefallen hat Charly der Besuch beim Fotografen. Bereits als Hobby ausgeübt, begeistert sie sich sehr dafür Aber wie es beruflich in der Zukunft aussieht, da ist sich Charly noch unsicher, erstmal geht’s nach Hause. Doch sie ist froh, so viele Berufe über Praktika kennengelernt zu haben, denn das wird ihr sicherlich bei der Entscheidung helfen.

Auch der Beruf des Posamentenmachers fasziniert Rekordpraktikantin Charly sehr. Dass man immer noch mit alten Webstühlen arbeitet und alles per Handarbeit macht, beeindruckte uns beide. Nach meinem Besuch kann ich auch die Angst widerlegen, dass ein Handwerk irgendwann durch Maschinen ersetzt wird. Denn diese Qualität und Besonderheit, die ich vor Ort gesehen habe, bekommt keine Maschine hin.

Erfahrt mehr über die Rekordpraktikanten und die Berufe, die sie ausprobiert haben, hier oder besucht sie auf Instagram @dierekordpraktikanten.

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